Ein technischer, umsetzbarer und verifikationsorientierter Leitfaden für Einkäufer, Marken und Beschaffungsmanager.
Nachhaltige Bademode wird zum Mainstream – doch damit auch Greenwashing. Viele Produkte behaupten, recycelte Materialien zu verwenden, doch nur ein Teil erfüllt die strengen Anforderungen des Global Recycled Standard (GRS) von Textile Exchange. Dieser Leitfaden bietet Ihnen einen überprüfbaren, auditbereiten Prozess, um echte GRS-zertifizierte Bademode zu identifizieren und irreführende Behauptungen zu vermeiden.
Wie sich dieser Leitfaden einordnet:
Dieser Artikel konzentriert sich gezielt auf die GRS-Verifizierung und Compliance auf Lieferanten- und Produktebene. Für einen umfassenderen End-to-End-Rahmen, der nachhaltige Materialien, Kostenstrukturen, Zertifizierungen, EU-/UK-Compliance und eine langfristige Beschaffungsstrategie abdeckt, verweisen wir auf unseren zentralen Leitfaden:
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Wichtige Erkenntnisse
Die GRS-Zertifizierung erfordert einen Mindestanteil von 50 % recyceltem Material, damit ein Produkt das GRS-Logo tragen darf; 20 % sind nur das Minimum für die Zertifizierung auf Materialebene, nicht für die Logoverwendung.
Nur zertifizierte Organisationen (Zertifizierungsstellen, ZS), die von Textile Exchange akkreditiert sind – darunter Control Union, SGS, Intertek und TÜV Rheinland – dürfen GRS-Zertifikate ausstellen.
GRS-Aussagen müssen durch gültige Geltungsbereichszertifikate (Scope Certificates, SCs) und Transaktionszertifikate (Transaction Certificates, TCs) gestützt werden; reine Marketingaussagen sind nicht akzeptabel.
Jede Verarbeitungsstufe muss zertifiziert sein – vom Recycling über Garn und Stoff bis zur Bekleidungsherstellung –, um als GRS-Produkt zu gelten.
Überprüfen Sie Zertifikate immer über die öffentliche Datenbank von Textile Exchange, um die Authentizität zu gewährleisten.
Ein Lieferant ohne TC-Fähigkeit kann GRS-gekennzeichnete Produkte nicht legal anbieten.
1. GRS-Zertifizierung verstehen
Was ist GRS?
Der Global Recycled Standard (GRS) ist ein internationaler, freiwilliger Standard, der von Textile Exchange entwickelt wurde, um die Genauigkeit von Angaben zu recycelten Materialien und die Integrität der gesamten Produktionskette zu gewährleisten.
Was deckt GRS ab?
GRS konzentriert sich auf vier Schlüsselbereiche:
Verifizierung des Recyclinganteils (validiert gemäß ISO 14021)
Chain of Custody (basierend auf dem Content Claim Standard, CCS, von Textile Exchange)
Umweltanforderungen (Chemikalienbeschränkungen, Abwasser, Energie, Emissionen)
Soziale Anforderungen (Arbeitnehmergesundheit, Sicherheit und Arbeitsrechte)
GRS-Schwellenwerte (Wichtig)
Der Unterschied zwischen Materialebenen-Zertifizierung und Produkt-Logo-Nutzung ist entscheidend:
Anforderung | Mindestanteil an recyceltem Material | Darf es das GRS-Logo verwenden? |
|---|---|---|
GRS Materialzertifizierung | ≥ 20% | Nein |
GRS Produktzertifizierung | ≥ 50% | Ja (GRS-Logo zulässig) |
Diese Unterscheidung ist wesentlich und wird in Marketinginhalten oft missverstanden.
2. Warum GRS für Bademode wichtig ist
Bademodenstoffe wie recyceltes Nylon und Polyester haben aufgrund energieintensiver Extrusion und Färbung erhebliche Umweltauswirkungen. Die Wahl GRS-zertifizierter Stoffe gewährleistet:
Verifizierte recycelte Rohmaterialien (Post-Consumer oder Post-Industrial)
Reduzierte chemische Gefahren (im Einklang mit fortgeschrittenen Chemikalienmanagement-Rahmenwerken wie ZDHC)
Rückverfolgbare Lieferkette vom Recycler bis zum fertigen Kleidungsstück
Unabhängige Aufsicht durch akkreditierte Zertifizierungsstellen
Geringeres Risiko falscher oder übertriebener Nachhaltigkeitsaussagen
Für Marken, die nachhaltige Bademodenkollektionen entwickeln, ist GRS ein Kerninstrument, um glaubwürdige Umweltverantwortung zu demonstrieren.
3. GRS im Vergleich zu anderen Nachhaltigkeitszertifizierungen
GRS wird oft neben anderen Textilzertifizierungen gesehen. Jede deckt verschiedene Aspekte der Nachhaltigkeit ab:
Zertifizierung | Fokusbereich | Bemerkenswerte Anforderungen |
|---|---|---|
GRS | Recyclinganteil + Chain of Custody | Logo nur bei ≥50% Recyclinganteil erlaubt; strenge soziale und umweltbezogene Kriterien |
GOTS | Biofasern | Biobaumwolle und andere Biofasern; keine Anforderung an Kunstfasern |
OEKO-TEX Standard 100 | Chemische Sicherheit | Prüft fertige Textilien auf Schadstoffe |
Bluesign | Chemikalien- & Umweltmanagement | Systemweite Kontrolle chemischer Inputs und Prozesse |
Cradle to Cradle | Kreislaufwirtschaft | Materialgesundheit, Recyclingfähigkeit, erneuerbare Energie und Kreislaufdesign |
Für recycelte Bademode ist GRS der einzige Standard in dieser Gruppe, der gleichzeitig den Recyclinganteil und die vollständige Rückverfolgbarkeit der Lieferkette überprüft.
4. So überprüfen Sie die GRS-Zertifizierung
Schritt 1 – Fordern Sie die korrekten Dokumente an
Eine legitime GRS-Aussage muss durch spezifische, gültige Dokumentation gestützt werden.
A. Geltungsbereichszertifikat (Scope Certificate, SC)
Das Geltungsbereichszertifikat (Scope Certificate) wird für eine Produktionsstätte (Spinnerei, Strickerei, Färberei, Druckerei oder Bekleidungshersteller) ausgestellt. Es bestätigt, dass der Standort für die Verarbeitung von GRS-Materialien zertifiziert ist.
Ein SC umfasst typischerweise:
Name und Adresse der Einrichtung
Standard (GRS)
Zertifizierte Produktkategorien
Gültigkeitsdaten
Name und Logo der Zertifizierungsstelle (ZS)
Eine Fabrik kann kein GRS-Transaktionszertifikat ausstellen, es sei denn, ihr Geltungsbereichszertifikat ist gültig und aktiv.
B. Transaktionszertifikat (TC) – Für jede Bestellung erforderlich
Das Transaktionszertifikat ist das einzige Dokument, das bestätigt, dass Ihre spezifische Lieferung GRS-zertifiziertes Material enthält. Es verknüpft zertifizierte Inputs mit einer bestimmten Charge oder Bestellung.
Ein gültiges TC umfasst:
TC-Nummer und Datum
Namen und Adressen von Käufer und Verkäufer
Produktbeschreibungen und Mengen
Materialzusammensetzung (einschließlich % Recyclinganteil)
Los- oder Chargennummern
Referenzierte SC-Nummern
Unterschrift und Stempel der Zertifizierungsstelle (ZS)
Wenn Ihr Lieferant sich weigert oder nicht in der Lage ist, ein TC auszustellen, dürfen die Waren nicht legal als GRS-zertifiziert verkauft oder gekennzeichnet werden.
Schritt 2 – Gegenprüfung in der Datenbank von Textile Exchange
Um die Authentizität zu bestätigen, gleichen Sie Zertifikate immer mit dem öffentlichen Verzeichnis von Textile Exchange ab:
Besuchen Sie die offizielle Zertifikatsdatenbank von Textile Exchange.
Suchen Sie nach der Zertifikatsnummer (SC oder TC).
Bestätigen Sie, dass der **Firmenname, die Adresse und der Standard** mit dem erhaltenen Dokument übereinstimmen.
Prüfen Sie, ob der Zertifikatsstatus **aktiv** und nicht abgelaufen ist.
Überprüfen Sie, ob die **Zertifizierungsstelle** (z.B. Control Union, SGS, Intertek, TÜV Rheinland) akkreditiert ist.
Jede Diskrepanz bei Name, Adresse oder Gültigkeitsdaten ist ein ernstes Warnsignal.
Schritt 3 – Logo- & Kennzeichnungsregeln bestätigen
Nur Lizenzinhaber mit Produktzertifizierung (≥50 % Recyclinganteil und gültigem TC) dürfen das GRS-Logo auf Produkten oder Marketingmaterialien verwenden.
Die korrekte Kennzeichnung muss der Richtlinie von Textile Exchange folgen:
Das Logo darf nicht verändert oder verzerrt werden.
Der Name der Zertifizierungsstelle muss in Verbindung mit der GRS-Aussage erscheinen.
Das Etikett muss der im Zertifikat angegebenen zertifizierten Produktgruppe entsprechen.
Besätze und Zubehör müssen ebenfalls zertifiziert oder ausdrücklich von der Aussage ausgenommen sein.
Selbst entworfene Icons oder Abzeichen, die dem GRS-Logo ähneln, aber nicht autorisiert sind, sind nicht konform und irreführend.
5. Irreführende oder nicht konforme Behauptungen erkennen
Häufige Greenwashing-Muster
Während viele Marken ernsthaft Nachhaltigkeit verfolgen, verlassen sich andere auf vage oder unvollständige Botschaften. Achten Sie auf diese Muster:
Verwendung von Begriffen wie „umweltfreundlich“ oder „grün“ ohne Bezug zu zertifizierten Standards oder überprüfbaren Metriken.
Behauptung von „GRS-Materialien“ basierend auf 20 % Recyclinganteil, aber Anzeige des GRS-Logos (Logo erfordert ≥50 %).
Nur ein Fabrik-Geltungsbereichszertifikat (Scope Certificate) bereitstellen, aber die Weitergabe auftragsspezifischer Transaktionszertifikate verweigern.
Hervorhebung eines kleinen recycelten Bestandteils anstelle der Gesamtkomposition des Kleidungsstücks.
Auflistung von Zertifikaten von Organisationen, die keine anerkannten Zertifizierungsstellen von Textile Exchange sind.
Warnsignale, auf die Sie achten sollten
Diese Signale sollten eine genauere Prüfung oder einen Lieferantenwechsel veranlassen:
Verschwommene, teilweise abgeschnittene oder ununterschriebene Zertifikate.
TCs mit fehlenden oder widersprüchlichen Informationen (z.B. falsche Adressen, unvollständige Produktbeschreibungen).
Der Firmenname auf dem Zertifikat stimmt nicht mit dem rechtlichen Firmennamen des Lieferanten überein.
Abgelaufene SC- oder TC-Daten oder Zertifikate, die widerrufen wurden.
Nichtssagende oder ausweichende Antworten, wenn Sie nach TCs oder der Rückverfolgbarkeit der Lieferkette fragen.
Wenn eines dieser Anzeichen auftritt, behandeln Sie die Nachhaltigkeitsaussagen als unzuverlässig, bis das Gegenteil bewiesen ist.
6. So beschaffen Sie von verifizierten GRS-Lieferanten
A. Stellen Sie die richtigen Fragen
Strukturierte Fragen helfen Ihnen, nicht konforme Lieferanten schnell herauszufiltern:
„Können Sie Ihr aktuelles GRS-Geltungsbereichszertifikat (SC) und dessen Gültigkeitsdatum teilen?“
„Welche Zertifizierungsstelle (ZS) hat Ihr GRS-Zertifikat ausgestellt?“
„Können Sie für jede von uns getätigte Lieferung ein GRS-Transaktionszertifikat (TC) ausstellen?“
„Welche Stufen Ihrer Lieferkette sind GRS-zertifiziert (Recycling, Garn, Stricken/Weben, Färben, Bekleidung)?“
„Können Sie Muster-TCs oder Prüfberichte von früheren Bestellungen teilen?“
Ein zertifizierter Lieferant wird diese Fragen verstehen und selbstbewusst antworten, oft mit bereits vorliegender Dokumentation.
B. Erforderliche Lieferantenfähigkeiten
Ein konformer GRS-Lieferant sollte in der Lage sein, zu demonstrieren, dass er:
Ein gültiges, aktives GRS-Geltungsbereichszertifikat besitzt.
Die Chain-of-Custody-Dokumentation gemäß dem Content Claim Standard (CCS) pflegt.
Für jede Lieferung Transaktionszertifikate über eine akkreditierte Zertifizierungsstelle ausstellt.
Zertifizierte Inputs in allen relevanten Stufen verwendet: Garn, Stoff, Färben, Drucken und Bekleidungsherstellung.
Regelmäßige Audits besteht und Korrekturmaßnahmenanfragen innerhalb der vorgegebenen Fristen bearbeitet.
Wenn eine kritische Stufe in der Kette nicht zertifiziert ist, kann das Endprodukt nicht als GRS-zertifiziert vermarktet werden.
C. Ihre GRS-Beschaffungs-Checkliste
Nutzen Sie diese Checkliste, um das Compliance-Risiko zu minimieren und die vollständige Rückverfolgbarkeit zu gewährleisten:
☐ Überprüfen Sie das Geltungsbereichszertifikat des Lieferanten in der Textile Exchange-Datenbank.
☐ Bestätigen Sie, dass Ihre Produktzusammensetzung den Schwellenwert von ≥50 % für die Logoverwendung erfüllt.
☐ Fordern Sie ein Transaktionszertifikat für jede GRS-gekennzeichnete Lieferung an.
☐ Prüfen Sie, ob Besätze und Zubehör entweder zertifiziert oder in den Aussagen klar ausgeschlossen sind.
☐ Fordern Sie physische Muster an und vergleichen Sie diese mit den Produktbeschreibungen des TC.
☐ Überprüfen Sie die Akkreditierung der Zertifizierungsstelle.
☐ Prüfen Sie die Dokumentation zum Chemikalienmanagement und Abwasser, sofern verfügbar.
☐ Führen Sie interne Aufzeichnungen (E-Mails, TCs, SCs, Inspektionsberichte) für die Auditbereitschaft.
7. Bewertung von Markentransparenz & Integrität
Wichtige Transparenzindikatoren
Über Zertifikate hinaus signalisieren die Kommunikations- und Dokumentationspraktiken einer Marke ihr wahres Verantwortungsniveau.
Kriterien | Was verantwortungsbewusste Marken bieten |
|---|---|
Lieferantenliste | Liste der GRS-zertifizierten Lieferanten mit Textile Exchange IDs und zertifizierten Produktkategorien. |
TC-Verfügbarkeit | Zusage, ein Transaktionszertifikat für jede zertifizierte Lieferung bereitzustellen. |
Materialverifizierung | Prozesse zum Abgleich von Beschreibungen, Mengen, Mischungen und Herkünften mit TCs und internen Aufzeichnungen. |
Chemikalienkonformität | Nachweis von Chemikalienmanagementsystemen (z.B. OEKO-TEX, Bluesign, Listen eingeschränkter Substanzen). |
Öffentliche Berichterstattung | Klare Nachhaltigkeitsaussagen, Ziele und Zusammenfassungen von Fortschritten oder Auditergebnissen. |
Marken, die dieses Maß an Details proaktiv teilen, zeigen echtes Engagement, anstatt sich auf vage grüne Behauptungen zu verlassen.
8. Fazit: Sicherstellen, dass Ihre Bademode wirklich GRS-zertifiziert ist
Um sicherzustellen, dass Ihre Bademode wirklich GRS-zertifiziert ist, konzentrieren Sie sich auf die Verifizierung, nicht nur auf Marketingaussagen.
Immer überprüfen:
Der Lieferant verfügt über ein gültiges, aktives Geltungsbereichszertifikat.
Jede kritische Produktionsstufe in der Lieferkette ist GRS-zertifiziert.
Ihre spezifische Lieferung ist durch ein Transaktionszertifikat abgedeckt.
Das GRS-Logo und die Behauptungen werden legal und korrekt verwendet (nur bei ≥50 % Recyclinganteil).
Zertifikatsdetails (Namen, Adressen, Daten) stimmen mit den Aufzeichnungen von Textile Exchange überein.
Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, können Sie sicher sein, dass die Bademode hohe Standards in Bezug auf Recyclinganteil, Umweltverantwortung und Lieferkettenintegrität erfüllt.
Richtig umgesetzt ist GRS mehr als ein Logo – es ist ein vollständiges System der Rückverfolgbarkeit und Rechenschaftspflicht, das Ihre Marke und Ihre Kunden schützt.
Sie können diesen Leitfaden für interne Beschaffungshandbücher, Markenschulungen oder kundenorientierte Nachhaltigkeitsseiten anpassen, um Transparenz und Vertrauen zu stärken.
